Orgelmusik auf dem Rückzug?

Auf den ersten Blick scheint es keinen Grund für Pessimismus zu geben. Jedenfalls für den deutschen Sprachraum kann man konstatieren, daß die Dichte an mindestens guten, wenn nicht sehr guten Instrumenten hoch ist. Die Zahl an ausgebildeten Organisten übersteigt jedenfalls die der angebotenen Stellen, und an der grundsätzlichen Affinität von Orgelmusik und christlichem Gottesdienst braucht wohl nicht gezweifelt werden. Darüber hinaus gibt es sogar eine gewisse Konnotation von Orgelklang und Mystischem, Geheimnisvollem; zahllose Filmszenen bestätigen diese Beobachtung.

Und doch könnte einiges den Optimismus dämpfen. Die Kehrseite der erwähnten hohen Orgeldichte heißt Übersättigung. Als der Verfasser studierte, reiste man manchmal mit Gleichgesinnten stundenlang oder auch einen Tag lang, um ein besonderes Konzert an einer außergewöhnlichen Orgel zu hören. Heutzutage hat sich das Niveau im Orgelbau gegenüber damals deutlich gehoben, und die nächste gute oder sogar sehr gute Orgel ist in einer halben Stunde zu erreichen. Als der Verfasser studierte, mußte man noch darum kämpfen, Literaturstücke im katholischen Gottesdienst spielen zu dürfen und nicht bloß – immer auf das Geschehen im Presbyterium schielend – zu „präludieren“. Heutzutage ist Literaturspiel weitgehend eingebürgert; gerade zum Auszug werden immer öfter virtuose und/oder sehr laute Stücke dargeboten. Darin liegt allerdings auch ein Keim des Inflationären, aber abseits davon ist die Frage zu stellen, ob das Ende des donnernden Postludiums nicht ohnehin aus einem anderen Grund in Sicht ist: die kleiner werdenden Gottesdienstgemeinden werden immer mehr personenbezogen sein, und nach der Messe wird sich der Zelebrant persönlich von den Teilnehmern verabschieden wollen; das wird ihm leichter fallen, wenn er nicht mit lauter Stimme gegen die noch lautere Orgel ankämpfen muß. – Übrigens ist erst noch abzuwarten, wie sich die diversen Strukturmaßnahmen auf die Kirchenmusik insgesamt auswirken werden; es wird im Gottesdienst weniger Zeit zur Verfügung stehen, wenn nicht nur der Pfarrer zum nächsten Gottesdienst reist (oder rast?), sondern auch – möglicherweise im selben Auto – der Kirchenmusiker.

Der stärkste Grund für eine im umfassenden Sinne abnehmende Attraktivität von Orgelmusik könnte aber mit einem Phänomen zu tun haben, das außerhalb aller kirchenmusikalischer Evaluierung liegt: Wir stehen vielleicht am Ende eines Jahrhunderts der Orgelmusik! Diese Vermutung bezieht sich auf großräumige Zyklen, wie es sie immer wieder gegeben hat. Das 19. Jahrhundert etwa war eine Ära der Sonate; wer immer als Komponist etwas gelten wollte, mußte sich es an dieser Form beweisen, und dies, obwohl nach Meinung einiger Beobachter die Gattung schon mit Beethoven ihre Erfüllung gefunden hatte.  Oder: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine kurze Phase der Streicherserenade; zwischen 1890 und 1910 wurden zahlreiche Werke dieser Art komponiert. Aber diese Blüte hielt nur wenige Jahre an. Und ebenso scheint es ein Jahrhundert der Orgel zu geben, und vieles deutet darauf hin, daß es zu Ende geht. Ein deutliches Anzeichen dafür könnte sein, daß den Organisten selbst ihre Orgelmusik langweilig geworden ist! Seit etwa 20 Jahren nimmt in den Programmen der Prozentsatz an Bearbeitungen von Orchester- und Klavierwerken stetig zu, wobei Konzerte, Gottesdienste und CD gleichermaßen betroffen sind. Was hingegen vor 50 Jahren noch eine Art Kern des Repertoires ausgemacht hat, nämlich die barocke Orgelmusik in ihren vielen Facetten, wird heute offenbar zunehmend als uninteressant oder überholt empfunden.

 

Peter Planyavsky

 

 

(Ausschnitt aus dem Beitrag „Zwischen Gregorianik und Songcontest“.
Theologisch-praktische Quartalschrift  3/2016, 164. Jahrgang, Regensburg 2016, S.247–255)